Sonntag, 12. Dezember 2021: Von Hausnummern, Umzügen und G-Saiten

Erster Halt: Hamburg. Die Fahrt zum Konzert war kurz. Das habe ich mir aber fast gedacht, es ist schließlich in derselben Stadt. Aber das ist ja erst heute Abend. Und dafür bin ich eigentlich schon viel zu müde.

Von vorne: Aufstehen mit Rückenschmerzen. Isomatten sind nichts für mich. Zumindest nicht, wenn die Luftmatratze, die mich von ihr trennt über Nacht allmählich so viel Luft verliert, dass sie im Grunde auch hätte fehlen können.

Frühstück mit Mark. Heute mal keinen Fisch. Da hätte es mir schon klar werden sollen: Heute wird schlimm. Wir sind am Vormittag nämlich losgezogen, um den Wagen für die Tour abzuholen. Neben Mark und mir war noch Kevin, der zweite Gitarrist dabei, der einzige, der ein Auto hat und uns nach Stade fahren konnte. Ein Bekannter von Benni, dem Schlagzeuger, hat der Band versprochen, dass sie seinen Bus für ein paar Tage haben könnten. Doch da haben wir die Rechnung ohne Bennis Bekannten gemacht, der nicht nur nichts von diesem Arrangement wusste, sondern auch keinen Bus besitzt. Natürlich ging Benni nicht ans Telefon. Der war heute noch einmal im Einsatz (Krankenpfleger) und wir standen doof da. Angeblich kannte der Bekannte Benni nicht einmal. Wir waren fast schon wieder über die Elbe rübergefahren, als Mark merkte, dass er die Hausnummer auf dem Zettel von Benni falsch gelesen hatte. Also sind wir die 40 Minuten wieder zurückgefahren und haben statt bei Hausnummer 4 bei Hausnummer 9 bei einem Herrn Müller geklingelt, der uns auch gleich freudestrahlend und mit den Worten „Ihr seid aber spät.“ in Empfang nahm.

Benni, den ich bisher noch nicht kennengelernt habe, hat bereits zwei Charaktereigenschaften, die mir zutiefst sympathisch sind und mir zugleich den letzten Nerv rauben. Erstens seine Schrift, die er in irgendeinem Zoo als eingesperrtes Tier gelernt haben muss, weil in einer Schule lernt man so nicht schreiben. Oder er will wirklich noch Arzt werden. Das verstehe ich ohnehin nicht. Mein Arzt hat auch so eine Sauklaue. Wenn dann in einer Diagnose irgendetwas Wichtiges steht, kann das doch kein Mensch lesen. Ich will nicht wissen, wie viele Leute jährlich wegen der mangelhaften Handschrift von Ärzten sterben.

Zweitens, er verheimlicht offenbar gern einmal winzige Details. Der Bus war nämlich nicht umsonst. Alles andere als das. Nein, Geld wollte er nicht. Der Bekannte wollte doch tatsächlich, dass wir ihm beim Umzug helfen. Die Kisten standen schon bereit und sollten in den Bus, der noch in der Garage stand, geladen werden. Ein weiterer Anruf bei Benni half nichts, also packten wir an.

Meine Leidenschaft wird dieses Helferding nicht mehr, muss ich sagen. Der Hr. Müller (Name übrigens geändert) sammelt offenbar Steine in seinem dritten Stockwerk ohne Aufzug oder irgendetwas anderes, was ziemlich schwer ist. Eine Kiste mit Kissen habe ich jedenfalls nicht entdeckt. Ein Wunder, dass die alte Karre das ausgehalten hat.

Wir fuhren schließlich mit dem Bus und Kevins Wagen hintendrein nach Elmshorn. Das ist Luftlinie gar nicht so weit weg, nur hat der Bus leider keine Schwimmfunktion. Also fuhren wir wieder über Hamburg über die Elbe und kamen nach einer Stunde in Elmshorn an. Ich beschwerte mich nicht, die Stunde Pause tat meinen Muskeln gut, schließlich hatten wir zwei Stunden lang geschleppt.

Als ich erfuhr, das Hr. Müller keine Wohnungen im Erdgeschoss präferiert und offenbar etwas gegen Fahrstühle hat, überlegte ich am Zielort, ob ich einen Herzinfarkt oder so etwas vortäuschen sollte, aber es half alles nichts. Rauf das Zeug, diesmal deutlich langsamer, weil es eben bedeutend anders ist, ob man eine Treppe vollbeladen hinauf und mit leeren Händen wieder herunter läuft oder andersherum. Jedenfalls hatten wir am Ende den Bus und noch drei Stunden Zeit ehe wir an der Location sein mussten. So eine Tour ist schon was.

Und so habe ich meine kleine Ecke, während ich überlege, ob diese Tour auch so stattfindet, weil Mark und Kevin sich bereits heftig mit Benni in die Haare bekommen haben, während Max versucht, eine neue G-Saite für seinen Bass zu suchen, weil sie ihm gerissen ist, was, so sagte er mir vorhin, ziemlich blöd ist, weil das bei einem Bass wirklich nicht oft passiert. „Eigentlich gar nicht“, sagte Mark noch. Und sonntags so etwas aufzutreiben, ist anscheinend ziemlich schwierig.

Ich: „Hast du denn keinen Ersatz?“

Max: „Jetzt fang du nicht auch noch an.“

Die Vorzeichen für ein gelungenes Konzert stehen also gut. Dazu schreibe ich dann morgen etwas. Sofern ich das noch erlebe. Ich komme gerade übrigens nicht zum Zeichnen, falls das jemand vermisst hat.

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