Samstag, 4. Dezember 2021: Von Vergessenen, Kalendersprüchen und Carpe Diem

Mein Mitbewohner hat mich beim Frühstück darauf hingewiesen, dass ich gestern die Südhalbkugel vergessen habe. Ja. Das tut mir sehr leid. Ich weiß sehr wohl, dass bei euch da unten Sommer ist, wenn bei uns die Eiseskälte herrscht. Und ich habe auch die Äquatorzone vergessen, wo der Winter ja quasi nie Einzug hält. Das heißt, dass die armen Leute an diesen Orten alle weiterschuften müssten, während wir im Norden unseren Winterschlaf halten. Das ist ja auch irgendwie unfair. Vielleicht könnte man sich da auf einen Kompromiss einigen. Auf der Südhalbkugel gilt einfach ein schöner Sommerschlaf. Gerade in Australien ist es ja wahrscheinlich ohnehin zu heiß im Dezember, als dass man irgendetwas Gescheites machen kann, oder? Und wenn es keinen Winter am Äquator gibt, ist es auch egal, wann sie sich 3 Monate lang zurückziehen. Da können sie das genauso gut machen, wenn das der Rest der Welt tut. Einfach mal 3 Monate Licht aus und Gute Nacht. Schäfchen zählen, La le lu. Ich werde den Vorschlag mal der UN schicken. Da wird es sicherlich jemanden geben, der oder die dafür verantwortlich ist.

Ich selbst habe übrigens keinen Adventskalender bekommen dieses Jahr. Denn dieses Mal gebe ich nur. Gern geschehen, liebe Leserinnen und Leser und alle anderen. Meine Mitbewohnerin hat ihn mir angeboten, aber ich habe dankend abgelehnt. Jeden Tag Schokolade? Dagegen kann ich nicht Sport machen. Und schon gar nicht in dieser Jahreszeit.

Stattdessen habe ich meinen Kalender mit den klugen Sprüchen endlich mal auf Dezember gestellt. Musste auch einmal sein. Die fallenden Blätter des Novembermotivs sind wirklich verjährt. Das weiße, romantische Schneemotiv des Dezembers ist aber auch etwas unpassend, muss ich sagen. Ich wäre dafür, dass sie die Kalendermotive mal etwas realistischer gestalten. Im Dezember einfach grauer Himmel, wahlweise niedrige Temperaturen mit ekligem Schneeregen oder mild mit Regen. Aber hauptsächlich grau und nass! Das ist wichtig. Das ist Dezember in Deutschland.

Und der Spruch… sagen wir mal… gewagt.

„Lebe jeden Tag so, als könnte es dein letzter sein.“

Das steht da. Wirklich. Carpe diem.

Wenn heute mein letzter Tag wäre, würde ich erstens nicht an diesem Blog schreiben. Aber lassen wir das mal dahingestellt. Wie sähe mein perfekter letzter Tag aus?

Zunächst einmal würde ich, glaube ich, nicht ausschlafen. Dafür habe ich später immer noch genug Zeit. Also: Früh aufstehen. Im Idealfall wusste ich schon am Tag zuvor, dass heute mein letzter Tag wird, damit ich vorbereit bin und nicht zu allem Überfluss noch das Haus verlassen muss, und am Ende irgendwo im Verkehr feststecke.

Kuchen, Chips, Steak, Pizza. Nach dem Frühstück sehe ich meine Lieblingsfolge von Scrubs, heule kurz, weil sie so schön dramatisch ist und weil ich diesmal weiß, dass ich sie nie wieder sehen werde. Da ich immer noch am verdauen bin, lasse ich das Mittagessen ausfallen. Zum Glück ist Samstag. Meine Mitbewohner, sowohl -in als auch ohne, gehören zu meinen Lieblingsmenschen. Daher würde ich meinen Tag gern mit ihnen verbringen. Dann müssten noch ein paar Anrufe getätigt werden. Abschiede und so etwas. Traurig, aber wahr. Im Idealfall wüssten alle Bescheid und kämen einfach vorbei. Und dann schmeißen wir einfach eine riesige Party, die bereits nachmittags losgeht. Abends teilen wir uns alle eine riesige Pizza und ich betrinke mich, damit ich irgendwann ohnmächtig ins Bett falle und vom Ende nichts mitbekomme. Wenn ich dann tot aufgewacht bin, muss ich nicht einmal aufräumen.

Sollte ich wirklich jeden Tag so leben? Jeden Tag Abschied nehmen? Jeden Tag die Birne wegsaufen? Jeden Tag mehr Pizza essen, als ich überhaupt abtrainieren kann? Letzteres klingt zwar toll, aber doch wenig realistisch. Außerdem würde mein letzter Tag dann wahrscheinlich schneller kommen, als mir lieb ist.

Ich glaube, es ist ganz gut, dass man nicht weiß, wann der letzte Tag kommt. Und wenn der ganze Tag dann daraus bestand, dass man nur gelesen hat oder lediglich eine Partie Risiko mit zwei Freunden gespielt hat, wobei man aus Versehen nach dem Verlust von Australien ein wenig zu gemeine Schimpfwörter ausgepackt hat, dann ist das eben so. Es wird nicht auf dem Grabstein stehen. Und es wird auch nicht auf das Bewerbungsformular fürs nächste Leben kommen. Wenn es das denn gibt.

Ich würde also niemals jemandem den Rat geben: Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Sondern eher:

Lebe jeden Tag so, dass du morgen noch etwas zu tun hast.

Oder lieber: Lebe jeden Tag so, dass du am Abend nichts bereust.

Aber selbst dagegen werden wieder manche Leute Argumente finden.

Und das ist doch auch irgendwie schön.

Günther hat mir am Abend noch eine SMS geschickt. Ich solle im Blog doch am besten die Pandemie nicht erwähnen. Also werde ich fortan hier so tun, als gäbe es sie nicht. Das wäre auf jeden Fall etwas Schönes, das zu einem perfekten Tag passen würde, nicht wahr? Außerdem kann ich dann auch mal wieder Dinge tun, die ich sonst nicht machen darf. Fiktiv versteht sich. Also endet die Pandemie morgen, zumindest hier im Blog. Sonst nirgendwo. Nicht, dass sich jemand hier auf diesen Eintrag beruft und irgendetwas anstellt da draußen. Ich übernehme für gar nichts Verantwortung.

Übrigens nichts am Roman gemacht. Kam ja auch an meinem letzten Tag da oben nicht vor. Und noch ein Bild von der Kuh gemalt. Aber auf leerer Wiese. Da lief sie weg.

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