Montag, 13. Dezember 2021: Von Songnormen, Ballermannhits und Autobatterien

Die Kreativität darf man Mark Hauser definitiv nicht absprechen. Beim Frühstück erzählte er mir lang und breit von einer neuen Songidee, die ihm während des Auftrittes gestern gekommen war. Ein Lied über die Starre mancher Dinge, dass sich manchmal nichts bewegt und revolutioniert.

Zum Beispiel, dass Erwachsene sich immer über Kinder aufregen, aber sich nach ihrer eigenen Kindheit zurücksehnen. Oder dass sein Nachbar immer am Samstagmorgen um 8 Uhr den Staubsauger anstellt. Das fand ich nur halb so irritierend, wie mir nach drei Stunden Schlaf ein solches Referat über Marmeladenbrot und Tee zu halten, aber dagegen konnte ich nichts tun.

Mark: Der wichtigste Teil des Songs wäre aber, dass ich es umdrehe.

Ich: Umdrehe?

Mark: Ich drehe das ganze Konzept des Songs um.

Ich: Also singst du das komplette Gegenteil? Dass sich alles wandelt? Dass man neue Wagnisse und Risiken eingeht, und wie schlecht das ist?

Mark: Nein, Quatsch. Nicht inhaltlich. Ich drehe die Norm des Songschreibens um.

Ich: Aha. Du singst rückwärts.

Mark: Quasi. Aber nein. Der Song beginnt mit dem Refrain, der wird dann dreimal gespielt. Dann kommt das Solo, dann die Bridge oder umgekehrt. Dann folgt erneut der Refrain, gefolgt von einer Strophe, dann der Refrain, dann eine Strophe oder zwei.

Ich: Und am Ende kein Refrain?

Mark: Nein.

Ich: Also drehst du das Konzept von Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Bridge – Solo – Refrain – Refrain – Refrain um.

Mark: Genau.

Ich: Gibt es nicht auch Lieder nach dem Konzept: Refrain – Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Solo – Refrain – Bridge – Refrain – Refrain? Oder Strophe – Strophe – Refrain – Strophe – Bridge – Refrain – Solo – Refrain – Refrain? Oder Solo – Refrain – Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Refrain – Refrain.

Mark: Gleich kommen hier singende Wikinger um die Ecke, oder?

Ich: Oder Refrain – Refrain – Refrain – Refrain – Refrain?

Mark: Welches Lied soll das sein?

Ich: Viele Hits vom Ballermann, schätze ich.

Mark: Da kenne ich mich nicht so gut aus.

Ich: Solltest du mal. Die sind sehr sozialkritisch.

Mark: Beispiel?

Ich: Ähm. Da wird zum Beispiel kritisiert, wie schlecht Frisörinnen verdienen, weshalb sie sich keine Kleidung leisten können. Nicht zu vergessen, dieser Song, in dem Johnny Depp glorifiziert und gleichzeitig gegen Workaholic und Burnout gesungen wird, während es doch so viel schöner auf Mallorca sein könnte.

Mark: Du kannst einem echt die Laune an der Musik nehmen.

Ich: Stets zu Diensten.

Das erste Konzert war dann doch noch passiert. Ein gar nicht so großer Schuppen vor gar nicht so vielen Leuten und trotzdem war die Stimmung gut. Max spielte seinen Bass einfach tief. „Ich brauche die G-Saite eh nicht so oft“, sagte er. Laut Mark stimmte sein Bass zwar nicht mehr richtig, aber das konnte der Laienzuhörer (ich) ohnehin nicht erkennen.

Im Anschluss waren bis auf Max immer noch alle wütend auf Benni wegen der Umzugsgeschichte. Und das musste dann in Max‘ Wohnung auch noch sehr lange ausdiskutiert werden über ein paar Flaschen Bier und einer Tüte Chips. Aber so etwas gehört wahrscheinlich in jede gute Band. Etwas Spannung, etwas Sand im Getriebe. Apropros Getriebe. Der Bus sprang heute Morgen, nachdem wir das Equipment der Band bei dieser Location wo sie gestern spielten, eingeladen haben, nicht an. ADAC. Nichts ist mehr Punk. Wollte Mark nicht hören. Kevin auch nicht. Ich sagte es trotzdem und erntete böse Blicke.

Jedenfalls half uns der Mann vom ADAC dann weiter. Batterie leer. Wir sollten damit erst einmal eine Dreiviertelstunde fahren. „Kein Problem“, sagten wir. Denn wir mussten ja ohnehin heute los. Heute spielen wir in Oldenburg.

Ich sage schon „wir“. Wahnsinn. Dabei gehöre ich gar nicht zur Band. Obwohl ich wahrscheinlich eine Art günstiger Roadie bin. Ehrlich gesagt gefällt mir die Stellung nicht so sehr. Und so stelle ich mich in Oldenburg in dem Café, wo wir heute Abend auftreten, kurzerhand als Bandmanager vor. Ein Bandmanager, der sich Notizen macht und mit der Backline und dem ganzen Krempel nichts zu tun hat. „Backline“ ist übrigens ein Wort, was ich erst heute gelernt habe. Sehr schön, sehr interessant, hier erfährt man noch richtig interessante Dinge. Also mit „hier“ meine ich natürlich nicht das Blog sondern die Tour.

Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass ich in einem klapprigen, vollbeladenen Kastenwagen zwischen Verstärkern und Gitarren schlafen kann, wenn ich die Nacht davor kaum ein Auge zugemacht habe.

Heute Abend also Auftritt in Oldenburg. Alle sind wieder Freunde. Max hat wieder alle Saiten. Kevin ist seinen Kater los und Mark hat einen Song auf dem Beifahrersitz geschrieben, den er am liebsten heute schon spielen möchte. Aber nicht mit den Shy Knights. Die sind zwar Ritter, aber schüchtern. So schnell geht das nicht.

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