Freitag, 17. Dezember 2021: Von Freizeit, Türaufhalten und Abgründen

Der Wagen schnurrt wieder wie ein Kätzchen (oder wie ein kranker Bär, aber sei es drum) und Stralsund strahlt uns sonnenlos an. Die Unterkunft ist zwar nichts Besonders, nur ein kleines Hotel, aber hat angenehm gemütliche Betten. Während die anderen noch schlafen, gehe ich ein wenig die Innenstadt erforschen, laufe hier und da hin und gelange schließlich zum Zoo, den ich mir kurzerhand auch noch ansehe. Doch richtig gut wird es erst im Skurrileum.

Ein Museum für komische Kunst. Genau mein Ding. Ich wünschte, mein Mitbewohner wäre dabei, er hätte daran seine wahre Freude! Aber ich soll ja keine Werbung machen, sagt Mark. Außer für die Band.

Die schläft auch mittags noch, als ich anrufe, um zu fragen, wann genau das Konzert heute losgeht. Ich brauche nämlich einmal Zeit für mich, ohne Tourleben. Man geht sich ja schon schnell auf die Nerven, wenn man aufeinander hockt. Besser gesagt: Ich gehe schnell Leuten auf die Nerven, und ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass ich sie dann lieber ab und zu ein wenig in Ruhe lasse. Zumindest, solang ich noch etwas von ihnen will.

Wenn nicht, dann können Diskussionen auch einmal länger ausfallen. Wie in dem einen Kaufhaus, wo ich mir etwas zu trinken kaufen wollte. Eine Frau und ich kamen gleichzeitig an die Eingangstür. Da ich ein höflicher Mensch bin und näher am Türgriff stand, öffnete ich sie und deutete der Frau an, dass sie gern zuerst hineingehen durfte. Wahrscheinlich hätte ich ihr lieber eine Ohrfeige geben sollen. Das wäre offenbar netter gewesen.

Frau: Was soll das denn jetzt?

Ich: Was soll was?

Frau: Wieso halten Sie mir die Tür auf?

Ich: Keine Ahnung, damit sie nicht gegen die Scheibe oder den Rahmen laufen?

Frau: Ich weiß sehr wohl, wie man eine Tür aufhält.

Ich: Daran habe ich keinen Zweifel, aber ich war nun einmal schneller.

Frau: Und Sie denken jetzt, dass Sie ein großer Held sind, weil Sie einer armen, schwachen Frau die Tür aufhalten können? Weil Sie ihr jetzt gestatten, vorzugehen. Wie nobel von Ihnen.

Ich: Hören Sie mal, ich wollte nur freundlich sein.

Frau: Sexistisch ist das.

Ich: Quatsch. Wären Sie ein Mann hätte ich dasselbe getan.

Frau: Natürlich. Reden Sie sich nur heraus. Es ist doch typisch.

In der Zwischenzeit hielt ich übrigens weiterhin die Tür auf. Diverse Leute gingen durch die Öffnung und nickten mir teilweise dankend zu.

Ich: Was ist denn Ihr Vorschlag? Dass ich zuerst durch die Tür gehe, die Tür zufallen lasse, und erst dann gehen Sie durch? Sie müssen aber auch wirklich warten, bis die Tür hundertprozentig zugefallen ist, damit ich an keinem Prozentpunkt ihrer Öffnung noch beteiligt bin. Sie wollen ja kein bisschen Hilfe. Das brauchen Sie ja nicht. Oder wir tauschen einfach. Sie halten mir die Tür auf. Das hätte ich übrigens auch freundlich gefunden. Allerdings weiß ich nicht, ob ich von so einer unfreundlichen Person wie Ihnen eine solche Geste überhaupt akzeptieren könnte.

Frau: Was bilden Sie sich überhaupt ein?

Ich: Ich bilde mir ein, dass unsere Welt noch ein Stück mieser wäre, wenn niemand mehr irgendjemandem die Tür aufhält, und es allen scheißegal wäre, was mit den anderen Leuten ist. Ein bisschen mehr Freundlichkeit ist völlig losgelöst vom Geschlecht keine schlechte Sache. Ich wollte Ihnen die Tür aufhalten, weil ich es für ethisch verwerflich halte, dass derjenige, der die Tür öffnet, sie nur für sich öffnet und sie nicht für andere aufhält. Denn wenn jeder nur an sich denkt, dann spurtet unsere Welt dem Abgrund entgegen.

Es kann sein, dass ich Freude daran hatte, wie laut ich diese Worte sprach. Es kann auch sein, dass ich ihr noch einmal angedeutet habe, dass sie durch die Tür, die ich noch immer aufhielt, gehen sollte. Und da sie mich nur blöd ansah, kann es auch sein, dass ich noch wartete, bis ein Mann, der etwas jünger als ich war und sich an uns vorbei ins Freie schob, dann selbst hineinging und die Tür fest hinter mir zuzog.

Das Konzert heute Abend wird gut, denn ich bin auf jeden Fall schon einmal bester Stimmung.

Und ich freue mich schon auf Mails von allen, die mein Verhalten mit der Frau unangebracht fanden.

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