Donnerstag, 2. Dezember 2021: Von Milch, Unterricht und Blogthemen

Morgens klingelt das Telefon. Es ist Günther. Er meldet sich eigentlich nie bei mir. Wir telefonieren einmal die Woche, wenn ich ihn anrufe. Meistens um ihn auf dem Laufenden zu halten. Bis auf drei oder vier Jobs kam da bisher nicht viel. Aber ich will mich nicht beschweren. So viel Geld wie jetzt habe ich noch nie verdient.

Günther: Ich habe mir dein Blog mal durchgelesen.

Ich: Gefällt es dir?

Günther: Ich weiß nicht.

Ich: Was weißt du nicht?

Günther: Das will doch keiner lesen. Ich meine, es ist ja ganz lustig, glaube ich. Vielleicht auch irgendwie traurig.

Ich: Was ist dann das Problem?

Günther: Das will doch keiner lesen. Wie dieses Ding da heißt.

Ich: Clipband. Vergesse ich nie wieder.

Günther: Ja, wie auch immer. Und wie du da so lang nach gesucht hast. Das ist doch alles unnötig und Zeitverschwendung.

Ich: Warst du schon einmal im Internet?

Günther: Wieso? Ja klar.

Ich: Na also.

Günther: Wie? Na also. Also für mich ist das nix.

Ich: Dir ist schon bewusst, was du mir bisher für Jobs beschafft hast?

Günther: Willst du dich jetzt beschweren? Das waren doch gute Jobs. Du hast doch gutes Geld verdient.

Ich: Ja, aber womit? So viel schlechter ist das Blog da doch auch nicht.

Günther: Also –

Ich: Hast du die erste Folge gesehen?

(Ich habe nämlich an einer Serie mitgeschrieben, sollte an dieser Stelle erwähnt sein. Ich nenne es zumindest mal „Serie“.)

Günther: Nee, so etwas gucke ich doch nicht.

Ich: Schade.

Günther: Ja. Schade. Ich glaube trotzdem nicht, dass das viele lesen.

Ich: Ach, Günther. Du siehst das zu eng und nur aus Agenten- und Verkäufersicht. Mir ist das doch scheißegal, ob die Leute das lesen. Ich mache das für mich.

Günther: Ja, genau das ist dein Problem.

Ich: Und wieso findest du das überhaupt traurig?

Aber da hat er schon aufgelegt.

Nachmittags habe ich meinem Mitbewohner von dem Blog erzählt und ihm den gestrigen Eintrag gezeigt.

Er ist Lehrer und eine Leseratte. Eigentlich liest er alles, was er in die Hände bekommt. Neulich bin ich morgens an der Küchentür vorbeigelaufen, um auf die Toilette zu gehen. Da saß er am Frühstückstisch und las die Milchpackung. Das muss man sich mal vorstellen. Als ob da in den letzten 30 Jahren, die er jetzt schon lebt, irgendwann mal etwas anderes draufgedruckt wurde. Vielleicht wurde bei der ersten Rechtschreibreform in den 90ern mal zwischendurch aus „pasteurisiert“ „pastörisiert“, aber ansonsten dürfte alles gleich geblieben sein.

Aber so ist es nun einmal, wenn man mit Lehrkörpern zusammenlebt. Und ich habe gleich zwei davon im Haus. Und während des Lockdowns gingen die gar nicht weg. Die haben die Internetleitung blockiert für ihren Online-Unterricht. An jemanden wie mich denkt in solchen Zeiten natürlich keiner. Armer Künstler arbeitet ja ohnehin von Zuhause aus. Muss sich aber plötzlich Mittags die Küche mit 30 Schülern teilen, die ihm dabei zusehen, wie er in Unterhose zum Kühlschrank geht, bloß weil seine Mitbewohnerin meint, eben jenen Raum blockieren zu müssen und die Kamera beim Video-Call anzuhaben. Na ja, erleben die auch mal etwas im Unterricht außer Vokabeln.

Überhaupt hatte sie immer die Kamera an. Ich darf ihren Namen nicht sagen, sagt sie, darum nur „sie“ für den Moment. Das soll nicht despektierlich klingen. Sie nahm die Schule auch in der Pandemie ernst. Wahrscheinlich wurden ihre Schüler sogar besser in der Zeit, was wahrscheinlich eine absolute Ausnahme in Deutschland war. Jedenfalls weiß ich, dass ihr Freund, während seine Schüler still arbeiteten, die Kamera ausgestellt hatte, um auf seinem wiedergefundenen Gameboy, den er irgendwann in den 90ern gekauft oder geschenkt bekommen hatte, Super Mario Land 2 zu spielen.

Er fragt mich, wie ich auf den Titel käme. Ob ich keine besseren wüsste.

Ich: Wieso? Gefällt er dir nicht?

Er: Du hättest ja was Kreativeres mit deinem Namen machen können.

Ich: So? Was denn?

Er: Keine Ahnung. So was wie: Falk im Nacken.

Ich: Du solltest Chef in einem Marketingunternehmen werden.

Er: Na, ich wäre nicht auf so hirnrissige Dinge gekommen, wie „Erstmal zu Penny“ oder diese „Seitenbacher“-Werbung.

Ich: Eben deshalb bist du nicht im Marketing. Diese Leute haben es klug gemacht.

Er: Wie wäre es mit: Meine zwei Cents?

Ich: Find ich ganz gut, aber wie käme das jetzt an, wenn ich nach einem Blogeintrag plötzlich den Titel ändere?

Er: Haben schon so viele Leute das Blog gelesen?

Ich: Keine Ahnung.

Er: Hast du da keine Statistik? Oder Kommentare?

Ich: Bist du verrückt? Das sehe ich mir nicht an. Das deprimiert doch nur, wenn’s zu wenige sind. Und wenn’s zu viele sind, ist der Druck zu hoch. Wer will denn so etwas?

Er: Na ja, du machst das schon. Hauptsache du findest irgendwann ein vernünftiges Thema.

Womit wir wieder beim Roman wären. Die 10 Seiten von gestern habe ich zerknüllt, und direkt 10 neue geschrieben, die mit den ersten 10 nichts zu tun haben. Muss ich morgen erst einmal drüber nachdenken. Ein Thema für das Blog wäre auch noch prima. Vielleicht ja Weihnachten. Ist ja immer noch bald.

2 Kommentare zu “Donnerstag, 2. Dezember 2021: Von Milch, Unterricht und Blogthemen

  1. Ich lese auch immer die Milch Packung beim frühstücken, das ist besser als Zeitung lesen. Auf jeden fall weniger deprimierend heutzutage.

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