Dienstag, 14. Dezember 2021: Von Beinaheunfällen, Ex-Freundinnen und Übernachtungen

Engstelle. Zwei Spuren führen zusammen. Wir auf der linken. Neben uns ein roter Kleinwagen, der zwar noch hinter uns ist, aber glaubt, er wäre schneller. Wie ein kleiner Dackel, der meint, er müsste sich mit einem Bernhardiner anlegen. Ein verdammt großer, sabbernder Bernhardiner. Der Vergleich ist nicht weit hergeholt, weil ich schon gestern gemerkt habe, dass der Wagen Öl oder irgendeine andere Flüssigkeit verliert.

Jedenfalls haut Kevin auf die Bremse, damit es nicht zur Kollision kommt. Kollidieren tu dann ich, nämlich mit irgendeiner Trommel, die irgendjemand (Benni) nicht richtig festgemacht hat und mir voll auf den Hinterkopf knallt. So will man auch nicht geweckt werden.

Wir haben Glück, dass hinter uns niemand ist, und können dann hupend weiterfahren.

Ich: Wieso haben wir eigentlich jeden Tag einen Auftritt?

Max: Haben wir doch gar nicht.

Der Kerl hat eine Stimme wie ein Ozean, wenn sich das jemand vorstellen kann. Tief und brodelnd. Und das meine ich als Kompliment.

Ich: Gestern, heute, morgen, übermorgen –

Mark: Nee, übermorgen nicht.

Ich: Was machen wir dann?

Max: Schlafen.

Das ist mal eine gute Idee. Auch letzte Nacht war an Schlaf kaum zu denken. Offenbar heißt Tour mit den Shy Knights wirklich noch Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Zumindest wenn man diese Wörter durch Streit, Versöhnung und Punk’n’Spießig ersetzt. Dieses Mal traf aber Benni keine Schuld. Kevin hatte vor dem Auftritt in Oldenburg ein wenig zu sehr in die Bierdose gesehen. Obwohl genau genommen auch er da keine Schuld dran hatte, als vielmehr seine Ex-Freundin.

Die stand nämlich in der Kneipe, wo wir auftraten, hinter der Theke und das war offenbar ein wenig zu überraschend und anscheinend ein Grund, sich fast bewusstlos zu trinken.

Der Laienzuhörer bemerkte einmal mehr nichts und auch das Publikum „tanzte“ (Ich weigere mich, diese Moshpits Tanzen zu nennen, aber da ist jeder anders). Aber nach dem Gig ging es hinter der Bühne los, bzw. im Nebenraum, weil hinter der Bühne nur eine Wand war. Mark hat ein Gehör wie ein Adler ein Auge hat, bzw. zwei. Er hört jede Dissonanz, was bei dem Krach, den sie manchmal spielen, ein Wunder ist. Jedenfalls kam es zum Zwist. Ich will ihn jetzt nicht wörtlich wiedergeben. Sagen wir nur kurz: Nach vier Stunden lagen sie sich wieder in den Armen und erzählten sich Witze. Die Ex-Freundin war lang weg und mein Bett, dass wir bei einem Bekannten von Kevin hatten leider auch in weiter Ferne.

Kevin konnte sich nicht mehr an die Adresse des Freundes erinnern und zum Auftritt war er nicht erschienen. Um 2 Uhr ging er auch nicht mehr an sein Handy. Also übernachteten wir in der Kneipe, was uns der Besitzer freundlicherweise erlaubt hatte. So war es nicht kalt, aber äußerst unbequem. Und ich war gar nicht so unglücklich, als ich von meiner Bank um 7 Uhr aufstehen durfte, um beim nächsten Bäcker zum Frühstück eingeladen zu werden.

Meine Frage, wieso wir nicht in Hamburg genächtigt hatten, wenn wir heute wieder daran vorbeigefahren sind, wurde ignoriert. Kein Beinahe-Unfall, ein vernünftiges Bett, oder zumindest eine halbwegs weiche Isomatte, wären drin gewesen, wären wir schon in der Nacht gefahren. Sei es drum.

Heute jedenfalls sind wir in Lübeck. Es ist arschkalt und windig hier oben. Aber Mark meint, dass es heute Abend cool wird. Denn die Location ist groß und Max kommt ursprünglich aus Lübeck. Und Max‘ hat die Werbetrommel ordentlich gerührt. Ich hoffe nur, dass keine Ex-Freundin auftaucht.

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